Trier und Trier-Saarburg

Mund auf, Luft rein, Ton raus: Was Musik für Körper, Geist und Seele bedeutet, beleuchten wir zum Auftakt der TV-Serie Singen.

Sänger leben länger, sind gesünder, klüger, selbstbewusster, entspannter und glücklicher. Das zumindest behaupten einige Forscher und Studien. Was ist dran an den Lobeshymnen? Ich singe, also bin ich? Der Gesangspädagoge Uwe Götz aus Lampertheim (Südhessen) erklärt Hintergründe und Zusammenhänge und empfiehlt Sängern dringend, auf ihrem Instrument, der Stimme, zu üben.

Herr Götz, was passiert mit meinem Körper, wenn ich singe?

Uwe Götz: Der ganze Körper ist hochaktiv. Das heißt, Sie brauchen einen bestimmten Tonus im Körper, damit Sie sängerisch überhaupt einatmen können. Und Sie brauchen eine hohe Koordination diverser Körperaktivitäten, damit die Stimmlippen schwingen können. Bei alten Leuten, die lange bettlägerig sind, werden die Stimmen immer dünner. Wenn die Körperaktivität oder -kraft nachlässt oder der Körper krank ist, wird die Stimme leiser. Dazu muss man wissen, dass der Spracherwerb bei einem Kleinkind erst dann stattfindet, wenn der Körper sich langsam aufrichtet. Kinder fangen erst an zu gehen. Parallel dazu entwickelt sich die Sprache, weil der Kehlkopf so stabiler bleibt.

Wie wirkt sich Singen auf die Atmung, auf die Lungen aus?

Götz: Das ist eine Trainingsfrage. Singen kann man als eine Sportart begreifen. Der ganze Körper ist aktiver. Es ist natürlich die Frage, wie man es lernt. Man braucht dazu Anweisungen. Wir benutzen im Gesangsunterricht Körperübungen, damit die Einatmung und so das Lungenvolumen größer wird.

Welche Veränderungen löst Singen im Gehirn aus? Macht Singen klüger ?

Götz: Singen verlangt eine andere Koordination zwischen Körper und Artikulation. Der Gehirnforscher Gerald Hüther hat mal gesagt, es wäre im Kindergarten fast sinnvoller zu singen, als mit Scheren zu hantieren. Denn die Koordination im Körper wird durch das Singen verbessert. Das heißt, die Feinmotorik wird durch Singen trainiert. So wird man hinterher die Schere anders handhaben können. Es nicht nur auf das Gehirn allein beschränkt, sondern man muss die ganze Gehirnfunktion und die Neurologie mit berücksichtigen.

Wie das?

Götz: Gehirn- und Sprachentwicklung sind beim Menschen evolutionär parallel verlaufen. Im Zuge der Aufrichtung wurde der Kehlkopf ein bisschen tiefer. Wir sind das einzige Säugetier, das den Kehlkopf beim Schlucken hochziehen muss. Bei allen anderen Säugetieren und Vierbeinern ist der Kehlkopf oben. Daher können die wiederum nicht sprechen. Also: Unser Kehlkopf liegt tiefer, deswegen entsteht oberhalb des Kehlkopfes Raum, der Resonator. Er ermöglicht es uns, sich differenziert artikulieren zu können. Das hat zur Entwicklung des Gehirns beigetragen.

Und das Singen?

Götz: Singen ist ja eine besondere Form der Kommunikation. Einerseits zu sich selbst. Wenn Babys in der Lallphase sind, sagen die Eltern immer, ,es erzählt wieder mit sich’, es findet Selbstkommunikation durch Klang statt. Daraus entwickelt sich Sprechfähigkeit, später als Sänger erlebt man ebenfalls den eigenen Stimmklang zunächst als Selbstkommunikation. Dann stehen Solisten und Chöre vor Publikum und teilen sich durch Musik mit. Musik ist dann ein emotionales Kommunikationsmittel mit einer enormen Wirkung auf die Zuhörer.

Was bewirkt Singen in der Psyche? Welchen Einfluss hat Singen auf menschliche Gemütszustände?

Götz: Wenn man mit sich selbst kommuniziert, erhöht sich die Selbstwahrnehmung. Da muss ich wieder beim Baby anfangen. Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir hilflos. Also jedes Signal, das wir mit Stimme produzieren, ist eine Kommunikation. Wenn ein Säugling schreit, ist das eine subjektiv empfundene Notsituation. Später fangen wir an, mit Klang zu kommunizieren. Singen bedeutet für die Psyche einen positiven Zustand. Das kann bei einem Berufssänger so weit gehen: Wenn es im Alltag psychisch hoch belastende Schwierigkeiten gibt, kann das Singen für Sänger auf der Bühne eine psychische Ressource sein. Das kann auch ein Chorsänger erleben, wenn er innerhalb einer Chorprobe abschalten kann, in eine Art Ruhezustand beziehungsweise einen allgemein positiven Zustand kommt. Atmung, Puls, Körpertonus (Spannung) und emotionale Kommunikation haben damit zu tun.

Ist das der Grund, warum Menschen singen, wenn sie leiden, Angst haben oder trauern?

Götz: Grundsätzlich ist Singen die nächste und erste Möglichkeit, Musik zu machen. Ich brauche kein Instrument. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts haben Menschen noch viel mehr gesungen. Mit der Erfindung von Plattenspieler, Radio, Cds usw. gab es plötzlich die Möglichkeit, Musik per Knopfdruck anzuhören. Die direkte Erfahrung des Singens innerhalb der Familie hat sich entsprechend reduziert. Trotzdem sieht man an Sendungen wie DSDS oder The Voice of Germany, dass es immer noch eine Faszination fürs Singen gibt. Leider findet das Singen in Kindergärten oder Grundschulen immer seltener statt, weil Singen nicht Teil der Erzieher- oder Grundschullehrerausbildung ist. Leider. Wenn Menschen Singen kennengelernt haben, empfinden sie es als angenehm. Aber sie brauchen natürlich einen Zugang. In Volksliedern, Folksongs oder anderer Popularmusik, nicht zuletzt im geistlichen oder spirituellen Liedgut, im westlichen Kunstlied oder in Chorwerken finden jegliche emotionalen Zustände ihren Ausdruck, der eine individuelle Identifikation und damit möglicherweise auch Verarbeitung erlaubt.

Macht Singen denn bessere Laune?

Götz: Das hängt von der Literatur ab. Wenn man jemandem Mozart vorspielt – egal, ob Mozart gemocht wird – und später Heavy Metal abspielt, dann wird man deutlich unterschiedliche Gemütszustände und Gehirnreaktionen wahrnehmen.
Das heißt, das Nervensystem reagiert auf Mozart anders als auf Heavy Metal.
Das Frequenzspektrum, das Instrumentarium, die Lautstärke ist jeweils ein anderes.
Heavy Metal ruft Erregungszustände hervor, die als Alarmsignale registriert werden. Das Säuglingsschreien hat eine psycho-akustische Wirkung auf die Eltern und das Umfeld. Brennt das Haus, wird man keine Arie singen, um darauf aufmerksam zu machen, sondern rufen oder schreien. Rockmusik verwendet diese Alarmsignale zur Erhöhung des Erregungslevels.
Um singen zu können, braucht man allerdings einen allgemein positiven psycho-physiologischen Zustand eine höhere stimmliche Differenzierungsfähigkeit des Körpers und der Stimme als beim alltäglichen Sprechen, Rufen oder gar Schreien. Dann kann jemand auch Rockmusik singen, ohne stimmlichen Schaden zu nehmen.

Welche Kompetenzen erwirbt ein Sänger? Ist er strukturierter, kooperationsbereiter und teamfähiger als andere?

Götz: Puh. Das ist eine gute Frage. Strukturierter nicht unbedingt. Kooperationsbereiter – sagen wir: Ein Sänger ist sich seines Selbst in der Regel sehr bewusst. Und er weiß sehr genau genau, wann er wie kooperieren kann und sollte und hoffentlich auch wann nicht. Ein Chorsänger braucht soziale Kompetenzen. Und dann gibt es ja auch den positiven Gruppenzwang. Jemand, der keine sozialen Fähigkeiten hat, wird nicht lange in einem Chor bleiben, auch von sich aus nicht. Man braucht ein Mindestmaß an Einfügungsfähigkeit, um sich mit anderen zu verstehen, damit es ein gemeinsames Werk wird.

Was ist dann der Unterschied zwischen Chor- und Sologesang?

Götz: Das sind ganz unterschiedliche Anforderungen. Laiensänger im Chor sind sehr viel abhängiger von ihrem Chorleiter als Profis. Also. Nehmen wir mal ein Musikschulorchester. Da spielt ja jeder sein gelerntes Instrument. Die Geigen haben Geigenunterricht, die Bläser haben ihren Unterricht und so weiter. Ich rate daher jedem Chorsänger, Gesangsunterricht zu nehmen, so dass er lernt, mit seiner Stimme umzugehen. Jeder der singt, sollte auch individuelle Erlebnisse mit seiner Stimme machen. Jeder, der Sport treibt, hat ja auch einen Trainer.

Stimmt der Satz: Wer singt, lebt gesünder, wie Wolfram Seidner, emeritierter Professor an der Klinik für Phoniatrie und Audiologie der Charité Berlin, behauptet.

Götz: Definitiv.

Herr Götz, Sie unterrichten seit Jahren Gesang. Singen Sie selbst?

Götz: Ich singe selbst nicht. Seit Jahren unterrichte ich ganz viel. Meine Erfahrung ist, dass man beides ganz schwer auf einem hohen Niveau machen kann. Ich habe früh gemerkt, dass ich ein pädagogisches Händchen habe.
Singen ist ja schwer einsehbar. Da ist der Mensch selbst das Instrument. Lange Jahre hat es im Gesangsunterricht an einer echten Methodik und Didaktik gefehlt. Das verlangt eine ausführliche Beschäftigung.
Denn Singen ist der komplexeste neuro-psycho-physiologische Vorgang, den ein Mensch überhaupt ausführen kann.

Das Interview führte Verona Kerl

 

ZUR PERSON
Erfahrener Gesangspädagoge

Uwe Götz (Jahrgang 1960) ist seit 1986 als freiberuflicher Gesangspädagoge tätig. Von 1993 bis 2016 hatte er einen Lehrauftrag für Gesang und Gesangsmethodik an der Hochschule für Musik Saar in Saarbrücken. 1992 gründete er das Studio Vocale. Er gibt Kurse und Fortbildungen für Sänger, Gesangspädagogen, Chorleiter und Personen in Sprechberufen. Er leitet Gesangstudios in Lampertheim und Saarbrücken und unterrichtet regelmäßig in Berlin, Lübeck, Hamburg, Leipzig, Tegernsee. Seit 2015 ist er Leiter des Rabine Institutes für funktionale Stimmpädagogik. Sie basiert auf dem Verständnis der Zusammenhänge von anatomischen, biologischen, neurologischen, akustischen und psychischen Abläufen während der Artikulation.

TV-Serie zum Thema Singen

Singen macht glücklich, Singen befreit von Ängsten und lindert Depressionen, Singen hilft heilen, Singen hält gesund. Die moderne Forschung preist das Singen. Studien haben ergeben, dass bereits Kinder vom Gesang profitieren, ihre Sprache, ihr Denken und ihre Koordination sind besser entwickelt als bei nicht singenden Kindern. Dennoch singen immer weniger Menschen in Chören, ziehen Alte wie Junge das Hören und Konsumieren dem aktiven Musizieren vor. In einer Serie beleuchtet der TV in loser Folge das Thema Singen. Ihre Meinung dazu ist ausdrücklich erwünscht. Beschreiben Sie uns Ihre Sing-Erfahrungen. Unsere Adresse lautet:
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